Keine Strategie, keine Zukunft: Wie Viernheim seinen Wirtschaftsstandort verspielt

von Stefan Reinhardt, Bekir Atak, Uwe Hensel und Wolfram Theymann

Die finanziellen Probleme Viernheims haben viele Ursachen – eine davon ist die schwache wirtschaftliche Basis. Im Vergleich zu anderen Städten im Kreis nimmt Viernheim deutlich weniger Gewerbesteuer ein. Zum Beispiel lag 2025 das Gewerbesteueraufkommen pro Einwohner nur bei etwa der Hälfte von Heppenheim. Das ist kein Randthema, sondern ein strukturelles Problem.

Mehr Unternehmen bedeuten mehr Arbeitsplätze, mehr Kaufkraft, weniger Pendelverkehr, mehr Leben in der Stadt und mehr Lebensqualität durch mehr Nachfrage nach Gastronomie, Kultur etc. Eine starke Wirtschaft macht Städte resilienter und handlungsfähiger. Umso wichtiger wäre eine aktive und strategische Wirtschaftsförderung.

Die CDU hat im Juni 2025 zu Recht beantragt, die Entwicklung des Wirtschaftsstandorts Viernheim bis 2035 zu prüfen. Ziel sollte sein, „eigene Handlungsmöglichkeiten zur wirtschaftlichen Stärkung der Stadt zu identifizieren“. Im Dezember hat die Stadt nun eine Art „Bericht“ vorgelegt. Dieser liest sich mehr als „Arbeitszeitnachweis“, gibt aber keine Hinweise auf zukünftige Handlungsmöglichkeiten außer vielleicht die Nennung von möglichen Flächen für Gewerbegebiete. Ambition und Richtung fehlen.

Die beschriebenen Aktivitäten sind weitgehend passiv, oft hängt man sich an die Aktivitäten anderer dran wie bei der Immobilienbörse der Metropolregion Rhein-Neckar oder der Gründungsberatung. Die eigentliche Arbeit überlässt man anderen und eigene Ergänzungen des Angebots, zum Beispiel eine eigene Vermarktung oder gar Entwicklung freier Flächen bleibt aus.

Dann wird berichtet, dass die Stadt in „regionalen Netzwerken vernetzt und präsent“ ist. Das klingt beeindruckend, wenn die Stadt von theoretischen Präsentationsmöglichkeiten in Messeformaten (EXPO Real in München u.a.) berichtet. Solange aber keine aktive Nutzung für Viernheim belegt wird, fragt man sich schon, warum das Ganze geschieht. Was sieht denn die dafür notwendige „Viernheim-Strategie“ aus? Von belegten Ansiedlungserfolgen aus dieser Präsentation wird nicht berichtet, Prioritäten sind nicht erkennbar, ebenso wenig eine eigene Standortstrategie.

Was komplett fehlt, ist entscheidend: Keine Zielbranchen, keine aktive Ansiedlungspolitik, keine Standortmarke „Wirtschaftsstandort Viernheim“, keine Strategie gegen Abwanderung, keine Flächenbevorratung, keine messbaren Ziele und keine Konzepte für Zukunftsbranchen wie IT, KI oder GreenTech. Statt zukunftsorientiertes und offensives Gestalten verwaltet die Stadt. Statt Chancen zu nutzen, reagiert sie nur auf Anfragen. Das ist keine Wirtschaftsförderung, sondern Stillstand und Perspektivlosigkeit.

Dabei hat der Standort so viel Potenzial – neben „der guten Verkehrsanbindung“. Die renommierte Medizin-, Biotech- und Krebsforschung in der nahen Region sind hierbei nur ein Stichwort. Wir haben bei den Kammern sehr kompetente Menschen, die uns mit ihrer Expertise helfen können. Und wir haben interessante Unternehmen und interessante Köpfe in Viernheim, die in die notwendige Strategieentwicklung eingebunden werden sollten und die mit ihren jeweiligen Kontaktnetzwerken sicherlich noch sehr viel mehr einbringen können. Zusätzlich wird es Flächen brauchen. Gewerbe braucht Fläche!

Die Politik sollte den Bericht als Grundlage für eine schonungslose Analyse der Situation nehmen. Das sollte durch kompetente Menschen in der Stadtverwaltung begleitet werden, denn genau hier muss Knowhow aufgebaut werden, welches dann auch in Zukunft zur Verfügung steht. Die Analysearbeit und vor allem Experteninterviews mit den Kammern, mit Unternehmern etc. können Studierende der umliegenden Hochschulen übernehmen. So kann trotz niedriger Kosten eine intensive Analyse bewerkstelligt und kreative Potenziale der Hochschulen genutzt werden.

Der Anstoß kam von der CDU – nun ist sie in der Pflicht, Konsequenzen zu ziehen. Wenn das Bürgernetzwerk mit der Kommunalwahl in das Stadtparlament einziehen sollte, werden wir dieses Thema entschlossen wieder auf die Agenda setzen.


Weiterführendes:

Wirtschaftsförderung nur wegen der Gewerbesteuer?

Was hat Viernheim noch von einer breiten Wirtschaftsbasis als die Gewerbesteuer? Wir sind der Frage mal näher nachgegangen und haben dazu einiges zusammengetragen. Es geht nicht nur um Gewerbesteuer, sondern um viel mehr Aspekte der Stadtentwicklung!

„Mittelzentrenranking“

Die IHK gibt alle fünf Jahre ein „Mittelzentrenranking“ heraus. Mittelzentren sind Kommunen einer bestimmten Größe und die IHK Darmstadt vergleicht für die Mittelzentren ihres Kammerbezirks die ökonomischen und strukturellen Indikatoren, die für die einzelnen Kommunen wichtige Standortfaktoren sind.

Am 13.1.2026 – rechtzeitig zur Kommunalwahl wird das aktuelle Ranking im Rahmen einer Mittelzentrenkonferenz veröffentlicht, zu der alle Bürgermeister und Wirtschaftsförderer eingeladen sind. Danach werden die Zahlen auf der Webseite der IHK veröffentlicht.

Die Zahlen aus dem letzten Ranking aus 2020 finden sich hier.

Link zum Bericht der Stadt

Hier ist der Link zum Bericht der Wirtschaftsförderung vom Dezember 2025.

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