Ein Wärmekonzept für die Oststadt

Ihr könnt doch nicht als Bürger ein Wärmekonzept für Eure Stadt erstellen? Wieso eigentlich nicht? Machen andere doch auch… (Dazu kommen wir später nochmal zurück!)

Wie heizen wir in Zukunft?

Die große Frage für viele Hausbesitzer ist, wie sie in Zukunft ihre Häuser heizen werden. Dazu wird öffentlich viel diskutiert, zu Zeiten der Ampelregierung sind viele richtige und falsche Informationen verbreitet worden, manches hatte Mut, anderes Angst gemacht. Mit der neuen schwarz-roten Bundesregierung sollte es alles anders werden, doch interessanterweise bleiben die Ansätze dieselben und erhalten nur einen anderen Namen. Man diskutiert, ob man die Einführung der einen oder anderen „Zumutung“ wie das Verbrenneraus oder die Gasumlage erst verzögert einführt, aber letztendlich bleibt die Richtung bestehen.

Idee: Ein Nahwärmekonzept für die Oststadt

Aus diesem Grundgedanken haben sich Menschen des Bürgernetzwerks und von Bürger Initiativ zusammengetan und gemeinsam eine Projektidee entwickelt. (Es gibt zugegebenermaßen auch ein paar personelle Überschneidungen zwischen dem Bürgernetzwerk und Bürger Initiativ…) Wir entwickeln ein Wärmekonzept für einen Stadtteil Viernheims. Ausgewählt wurde dafür die Oststadt, die den Vorteil hat, dass hier sehr viele Menschen auf relativ engem Raum zusammenwohnen und sich der Stadtteil daher gut für eine zentrale Wärmeversorgung mit einem kleinen Nahwärmenetz eignen könnte.

Wie plant man sowas?

Um solche Projekte zu prüfen und zu planen, beauftragt man normalerweise entsprechende Fachleute oder beschäftigt selbst welche. Wie bekommt man sowas nun mit einer Initiative aus Bürgern zustande?

Über eigene Netzwerke haben wir den Kontakt zu einer Hochschule aus der Region aufgenommen und eine Professorin kennengelernt, die Projekte dieser Art zur Bearbeitung für ihre Studierenden schon begleitet hat. Auf einer Tagung der Metropolregion Rhein-Neckar wurden Projekte ähnlicher Art vorgestellt (zum Beispiel ein Energiekonzept für einen größeren Industriekomplex hier in der Region) und wir kamen im Anschluss der Präsentationen miteinander ins Gespräch.

Und so arbeitet seit Anfang November 2025 ein Masterstudent aus einem Studiengang „International Business and Engineering“ der SRH-Hochschule in Heidelberg im Rahmen seiner Abschlussarbeit für sein Studium an einem Nahwärmekonzept für die Oststadt. Abgabetermin der Arbeit ist Ende Februar 2026. Dann wird also auch mit Ergebnissen zu rechnen sein.

„Forschungsfragen“

Ziel der Masterarbeit ist, die technischen und ökonomischen Möglichkeiten, einer lokalen, auf regenerativen Energien beruhenden Wärmeversorgung in der Oststadt in Viernheim zu prüfen.

  1. Wie hoch sind die aktuellen und projektierten Wärmebedarfe in der Oststadt?
  2. Mit welchen erneuerbaren Energiequellen ist das technssich und auch räumlich in diesem Gebiet möglich?
  3. Welche Kosten entstehen für den Bau und den Betrieb eines solchen Systems?
  4. Welche Betreibermodelle sind möglich und bieten welche wirtschaftlichen und sozialen Vorteile?

Aber Ihr könnt doch nicht…

„Aber Ihr könnt doch nicht als einfache Bürger einfach ein solches Projekt anstoßen. Wir haben die Stadtwerke, die so etwas machen sollten und auch die Politik sollte hinter einem solchen Projekt stehen.“

Doch, Ja und überhaupt! Wir können uns auch als einfache Bürger mit solchen Themen beschäftigen und hier Inputs erarbeiten! Das ist auch gar nicht so unüblich, wie gleich ein paar Beispiele zeigen werden. Die Frage bei diesem speziellen Projekt ist sicherlich, wie zugänglich die notwendigen Daten und Informationen sind, auf Basis derer eine solche Planung letztendlich basiert. Aber es gibt inzwischen viele öffentliche Quellen, mit denen man gut arbeiten kann. Zudem gibt es viele hochkarätige Infoveranstaltungen, an denen wir auch als normale Bürgerinnen und Bürger teilnehmen können, um uns ein Bild zu machen und mitreden zu können. (In unserem Veranstaltungskalender machen wir regelmäßig auf solche Veranstaltungen aufmerksam und besuchen sie oft auch selbst.) Und es gibt eben Institutionen wie beispielsweise die Hochschulen, aber auch Stiftungen, Initiativen und viele weitere, die hier zuliefern können und wollen. Und es gibt jede Menge Firmen, die hier gerne auch ohne konkreten wirtschaftlichen Gegenwert Knowhow und Erfahrungen weitergeben!

Und die Stadtwerke?

Ja, die Stadtwerke sollten das EIGENTLICH machen – zumal in einer Stadt, die sich den Klimaschutz seit Jahren stolz auf die Fahne schreibt und die Stadtwerke zu 100 Prozent fest in der Hand der Stadt Viernheim sind und damit eigentlich dem Einfluss der Politik unterliegen. Aber es fehlt Transparenz, zum Beispiel bei der Veröffentlichung von Zahlen wie der Entwicklung der Energieverbräuche, der Kommunikation rund um den Prozess der Wärmeplanung oder andere Dinge, die relativ einfach zu vermitteln sein könnten. Ebenso bekommt man den Eindruck, dass die Stadtwerke eher als potente Gewinnmaschine der Politik zum Stopfen von Haushaltslöchern angesehen werden, als ein wirksames Instrument, die Energiewende wirklich voranzubringen. Wir gehen davon aus, dass sie von Knowhow und Personal her, hier erheblich mehr leisten könnten – dies aber von der Politik nicht gewünscht ist.

Energiewende in Bürgerhand – geht das?

Können Bürger ein solches Projekt auch selbst stemmen? Ja, könnten sie! Beispiele belegen das, zum Beispiel mit den vielen Bürgerenergiegenossenschaften, die es zahlreich deutschlandweit und auch in unserer Region gibt. Oft tun sich hier Bürgerinnen und Bürger in der Form einer Genossenschaft zusammen, finanzieren und betreiben gemeinsam Windräder und große PV-Anlagen.

Und auch im Wärmebereich entwickelt sich hier gerade einiges, wie ein Beispiel aus der Region zeigt. Die Bermeg, die Bürgerenergie Rhein-Main e.G. betreibt als eingetragene Genossenschaft aktuell mehrere PV-Anlagen, hat Beteiligungen an Windparks und ein erstes Quartiersprojekt für Wärmelieferung am Laufen. Ein weiteres ist in Planung. Geheizt wird dort mit Hackschnitzeln und die Wärme wird über ein kleines Wärmenetz verteilt. Energiewende in Bürgerhand geht also. Und was spricht eigentlich dagegen, wenn Energieinfrastruktur von Bürgerinnen und Bürgern betrieben wird?

Was ist UNSER Ziel mit diesem Projekt?

Wir wollen mit dem Projekt aufzeigen, dass in Bezug auf die Energiewende noch viel mehr passieren kann. Es gibt so viele Quellen, wo man sich informieren kann, Menschen, die gerne bereit sind, ihr Knowhow und ihre Erfahrungen weiterzugeben, so viele öffentliche und zugängliche Datenquellen, die zur Analyse und zu eigenen Ideen einladen, die die eigene Stadt als auch die Energiewende im Allgemeinen voranbringen kann.

Wir sind selbst gespannt auf das Ergebnis und hoffen auf einen Preis pro verkaufte Kilowattsstunden Wärme, die man dann mit seiner bisherigen Heizlösung vergleichen kann. Damit werden wir auch sehen, ob gemeinschaftliche Lösungen wirtschaftlicher zu betreiben sind, als wenn sich jeder seine eigene Wärmepumpe kaufen muss. Gerade in Mehrfamilienhäusern kann das eine Lösung bedeuten, die 50 Jahre braucht, um sich zu amortisieren.

Entsteht hier ein realistisches Betriebsmodell, wird man diskutieren müssen, ob Bürgerinnen und Bürger die Initiative und damit ihre eigene Wärmeversorgung selbst in die Hand nehmen wollen oder ob nicht die Stadtwerke auch ein guter Partner sein können. Der große Kritikpunkt bei Fernwärme ist die Abhängigkeit von einem Anbieter. Bei Strom und Gas kann man einfach mit dem Ausfüllen eines Formulars im Internet den Anbieter wechseln. Bei Fernwärme geht das nicht mehr. Hier müsste man dann ernsthaft prüfen, wie groß das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die Stadtwerke dann ist. Manch einer bei uns im engeren Projektteam sieht das im konkreten Fall skeptisch. Aber vielleicht ändern sich die Zeiten ja auch noch…


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