Nahwärmekonzept: Kritik und Weiterdenken

Was machen wir nun mit der fertigen Masterarbeit? Zunächst einmal können wir feststellen, dass wir viel gelernt haben. Viel gelernt aus der Zusammenarbeit mit „unserem Masterranden“, aber auch durch eigene Recherchen und Gespräche mit Fachleuten, die sich mit dem Thema „beruflich beschäftigen“. Immerhin sind wir ja eher (ambitionierte) Laien, auf jeden Fall aber keine Energie-Ingenieure mit der entsprechenden Praxiserfahrung.

Unser Ziel ist es, uns Wissen anzueignen, um Entscheidungen der eigenen Stadtwerke nachvollziehen zu können oder ggf. eben auch zu widersprechen, mitzureden und andere Ideen und Modelle auf den Tisch legen zu können.

Was fehlt?

Vom ersten Eindruck her fehlen in dem Konzept wesentliche Teile, die kostenmäßig durchschlagen würden wie beispielsweise die Hausanschlüsse an das Wärmenetz. Hier wird man pro Gebäude mit weiteren erheblichen Kosten von geschätzt 25000,- -Euro pro Gebäude rechnen müssen. Außerdem fehlt ein Betriebskonzept. Es muss Verantwortliche geben, die eingreifen, wenn die Anlage ausfällt und dies 24 Stunden an 7 Tagen die Woche, wer die Rechnungen schreibt etc. Es ist also nicht ganz so einfach und vielleicht ein wenig „idealisiert“.

Schauen wir nun etwas genauer.

  1. Es fehlen die „harten Kernelemente eines Wärmenetzkonzepts“:
  • Wärmelastberechnung
  • Netzlayout
  • Dimensionierung des Netzes
  • Backup für die Wärmeerzeugung
  • Betriebskostenrechnung
  • Sensitivitätsanalyse, also die Frage, was passiert, wenn sich eine der Vorannahmen verändern

Also: Wie wird die Wärme tatsächlich erzeugt, transportiert und am Ende bezahlt?

2. Vereinfachte oder unrealistische Annahmen

Es gibt viele Unsicherheitsfaktoren, die ein Praxiskonzept berücksichtigen muss, wie

  • Wie viele (Gebäude) machen unter dem Strich wirklich mit? Man sollte realistischerweise mit 10 bis 30 Prozent Nicht-Anschluss rechnen.
  • Was ist mit der Gebäudesanierung? Wenn saniert wird, sinken die benötigten Wärmemengen. Was passiert dann mit der konzipierten Wärmemenge vom Anfang? => Risiko Effizienzmaßnahmen
  • 24/7 Betriebsführung
  • Störungsmanagement
  • Druckhaltung und Sicherheit
  • Abrechnungssysteme
  • gesetzliche Pflichten (AVBFernwärmeV – Verordnung über Allgemeine Bedingungen für die Versorgung mit Fernwärme)

Man müsste also realistischerweise einen professionellen Betreiber eines solchen Netzes suchen.

3. Die Finanzierungsrealität wird arg optimistisch beschrieben

Die Darstellung „Eigenkapital + Kredit + Förderung“ dürfte zu einfach sein. Für die Banken dürften folgende Kriterien eine Rolle spielen, um „kreditwürdig“ zu sein – vor allem, wenn man die Bürgerenergiegenossenschaft als Modell verfolgt:

  • Klärung der Anschlussverpflichtung
  • Bonität des Betreibermodells (Als Bürgerenergiegenossenschaft, die gerade anfängt, schwierig!)
  • Governance Risiken
  • fehlende Betriebserfahrung

Das könnte man allerdings beheben durch kommunale Bürgschaft, den Stadtwerken als Betreiber und langfristige Wärmelieferverträge mit den Eigentümern der Gebäude.

4. Wirtschaftlichkeitskritik

An manchen Punkten muss man nochmal nacharbeiten. Es sind zwar Kosten bei Unternehmen angefragt worden, aber es geht zum Beispiel nicht nur um den Kauf der Wärmepumpe, sondern auch um deren Lieferung, Installation, das Gebäude drumherum etc.

Folgende Aspekte sollten überprüft werden:

  • Netzbaukosten pro Meter
  • Hausanschlusskosten
  • Wärmeerzeugungskosten
  • Betriebs- und Wartungskosten
  • Kapitalkosten
  • Levelized Cost of Heat (LCOH), also die Wärmegestehungskosten im Sinne von den durchschnittlichen Kosten für die Erzeugung einer Einheit Nutzwärme (meist in €/kWh oder €/MWh) über die gesamte Lebensdauer einer Heizungsanlage. Sie beinhalten Investitions-, Betriebs-, Wartungs- und Brennstoffkosten und ermöglichen den direkten Vergleich verschiedener Wärmeerzeugungstechnologien.
  • Kapitalwert
  • Amortisationsdauer
  • Achtung auch auf die Überschätzung der Förderlogik! Die Förderung deckt nur Teilkosten, die Förderungen sind an strenge Bedingungen gebunden. Förderungen dürfen nicht Wirtschaftlichkeit ersetzen!

5. Fehlende technische Komponenten

Es sollten folgende Punkte genaue erarbeitet werden:

  • notwendigen Temperaturlevel erheben
  • Redundanzkonzept erstellen
  • Netzplanung mit genauer Trassenführung, Anschlussdichte, spezifische Netzverluste
  • Lastmanagement, Umgang mit Spitzenlasten
  • Backup
  • Regelung

6. Projektentwicklungsrisiko

Vor Baubeginn entstehen hohe Planungskosten, es besteht das Risiko des Scheiterns und oft ist eine jahrelange Vorlaufzeit notwendig. Das muss adressiert werden!

7. Anschlussquote als Schlüsselfaktor

Die Wirtschaftlichkeit eines solchen Projektes hängt fast ausschließlich von der Anschlussquote ab. Hier sollten vorab Gespräche mit den Eigentümern und Eigentümergemeinschaften geführt und die Bereitschaft zu einem solchen Projekt eruiert werden. Hier wird sicherlich eine klare Preisauskunft für den späteren Kauf der Wärme eine bedeutende Rolle spielen.

Was man noch wissen sollte…

Wir haben im Rahmen des Projekts einmal verschiedene Richtgrößen zusammengetragen, mit denen man ein solches Projekt bewerten kann. Diese können in weiteren Berechnungen hilfreich sein:

Das sind *sehr realistische Richtgrößen*, die wir in Wirtschaftlichkeitsrechnungen ansetze

1. Netzbaukosten

Der Bau des Netzes dürfte der größte Kostentreiber sein. Was sind Durchschnittswerte mit denen man rechnen sollte? Das ist abhängig vom Netztyp und von der Länge des Netzes. Die folgenden „Angaben „Preise“ sind die Kosten pro Meter.

Niedertemperaturnetz: 800 – 1.200 €/m 
klassisches Fernwärmenetz: 1.200 – 2.000 €/m
schwieriger innerstädtischer Bau: bis 3.000 €/m

Mit niedrigeren Preisen zu rechnen ist unrealistisch.

2. Hausanschlusskosten

Die einzelnen Gebäude müssen dann an die verlegten Netze angeschlossen werden. Dazu braucht es zunächst eine Leitung vom Netz ins Haus, eine Übergabestation und es ist ggf. noch ein Umbau im Gebäude erforderlich.

Hausanschlussleitung: 4.000 – 10.000 €
Übergabestation: 6.000 – 12.000 €
Umbau im Gebäude: 3.000 – 15.000 €

Es ist also realistisch mit 15.000 bis 30.000 Euro pro Gebäude zu rechnen

3. Wärmeerzeugungsanlagen

Für die Wärmeerzeugungsanlagen fallen zunächst Investitionskosten an. Hinzu kommen dann noch Netzanschlusskosten für Strom (zum Beispiel bei großen Wärmepumpen), für Pufferspeicher und Spitzenlastanlagen.

Gaskessel: 80 – 150 €/kW
Biomassekessel: 600 – 1.000 €/kW
Großwärmepumpe: 900 – 1.500 €/kW
Solarthermie Großanlage: 350 – 600 €/m²

4. Betriebskosten pro Jahr

Auch weitere Betriebskosten lassen sich ungefähr pauschal abschätzen:

Personal: 10–20 %
Wartung: 3–5 % Invest
Strom für Pumpen
Verwaltung & Abrechnung: 5–10 €/Kunde/Monat

5. Gesamtkosten Wärmebereitstellung (LCOH)

Unter dem Strich kommt man so auf folgende Preise für die Wärme:

Im Neubauquartier: 80–120 €/MWh => also 8-12 Cent pro kWh
Bestandsquartier: 120–180 €/MWh => also 12-18 Cent pro kWh
ungünstige Anschlussdichte: >200 €/MWh => also über 20 Cewnt pro kWh

Niedrigere Preise sind oft unrealistisch!

6. Anschlussdichte

Der entscheidende Faktor ist die Anschlussdichte. Je kürzer das Netz und je mehr Gebäude bzw. Wärmeabnehmer angeschlossen sind, umso eher lohnt sich ein solches Projekt!

Die goldene Regel lautet:
Unter 1,5–2 MWh Wärmeabsatz pro Meter Netz ist ein Projekt fast nie wirtschaftlich!

7. Förderrealität (BEW)

Aktuell gibt es Fördermittel für den Bau von Wärmenetzen aus der „Bundesförderung für effiziente Wärmenetze“ (BEW). Dieses Programm bezuschusst 40 Prozent des Netzausbaus, 50 Prozent der Wärmeerezeugung und zeitlich begrenzt auch noch die Betriebskosten.

Aber: Förderung macht ein schlechtes Projekt nicht wirtschaftlich! Sie verbessert aber ein bereits tragsfähiges!

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