Warum denken wir eigentlich über eine Quartierslösung nach? Die Stadtwerke haben doch insgesamt schon mal signalisiert, dass sie am Ausbau der Fernwärme kein Interesse haben, wegen der hohen Investitionen in den Ausbau des Fernwärmenetzes. Sind solche Überlegungen trotzdem sinnvoll?
Hohe Vorlauftemperaturen notwendig
Wir haben es in der Oststadt mit schon älteren Mehrfamilienhäusern zu tun. Das Problem ist, dass die meisten Mehrfamilienhäuser, um die es sich bei diesem Projekt dreht, noch nicht weitergehend gedämmt sind. Auch Fenster dürften in manchen Fällen noch aus dem Jahr des Baus der Gebäude stammen oder zumindest schon fortgeschrittenen Alters sein. Daher wird aktuell noch viel Energie für Heizung und Warmwasser aufgewendet, denn im Gebäude geht noch viel Energie verloren. Damit sind die Gebäude heute auf höhere Vorlauftemperaturen angewiesen, das heißt, es braucht Wärmequellen, die ca. 70 Grad heißes Wasser produzieren, welches dann durch die Heizkörper fließt und die Räume heizt. Vielleicht sind sogar noch höhere Temperaturen erforderlich
Die bisherigen Gas- und Ölheizungen in den einzelnen Gebäuden geben das her. Wenn man nun eine Quartierslösung anstrebt, müsste eine gemeinsame Wärmequelle also 70 Grad heißes Wasser zur Verfügung stellen! Dies gilt zumindest so lange, bis alle Häuser per Dämmung und Umrüstung so umgebaut sind, dass sie mit niedrigeren Temperaturen auskommen. Hierzu wird im Rahmen des Projektes festzustellen sein, welche Wärmequelle das – zumindest für den Start und sagen wir: 10 Jahre – sein kann.
Alternative zur Quartierslösung: Einzellösung
Als Alternative zu einer Quartierslösung könnten die Eigentümergemeinschaften auch unabhängig von einem Nahwärmenetz bleiben und sich für ihr einzelnes Gebäude um eine Lösung bemühen.
Das Problem hierbei ist, dass man früher oder später das Gebäude wärmetechnisch sanieren wird und Wände und Dach dämmen, die Fenster gegen besser gedämmte austauschen etc. Es ist zu erwarten, dass es hier seitens des Staates irgendwann auch Verpflichtungen zum Umbau geben wird.
Denkt man heute, bei unsaniertem Gebäude, über eine neue Heizung nach, zum Beispiel weil die bestehende kaputtgeht und ausgetauscht werden muss, muss man kurzfristig handeln. Ersetzt man nun die bestehende Heizung und saniert später das Gebäude, um weniger Energie zu verbrauchen, steht man später vor einer überdimensionierten Heizung. Es ist wahrscheinlich, dass dies dann jedoch auf Kosten der Effizienz geht.
Also ist es sinnvoll, die wärmetechnische Sanierung mit dem Heizungstausch zu verknüpfen – also erst zu sanieren und dann eine Heizung einzubauen, die für den niedrigeren Energiebedarf ausgelegt ist. Das bedeute dann aber heute doppelte Kosten: einmal für die Sanierung UND für die neue Heizung. Das wird die eine oder andere Wohneigentümergemeinschaft oder einzelne Eigentümer aus den Gemeinschaften finanziell überfordern. Das wirft dann ganz neue Probleme auf.
Hinzu kommt die Frage zur Wärmequelle. Welche Wärmequelle kann dies für die Zeit bis zur Sanierung und danach wirtschaftlich abdecken? Welche Heizsysteme kommen überhaupt in Frage? Die Politik redet gerne von „Technologieoffenheit“, aber welche Technologien stehen heute und in Zukunft noch zur Verfügung? Die Wärmepumpe ist sicherlich eine gute Antwort auf die Frage nach dem Heizsystem, aber für die hohen Vorlauftemperaturen zahlt man hier einen hohen Preis. Eine Möglichkeit wären dann noch hybride Systeme, bei denen eine Wärmepumpe die Grundlast heizt und eine Gasheizung bis zur Sanierung alles was über 60 Grad Vorlauftemperatur hinausgeht.
Quartierslösung als Lösung?
Kann eine Quartierslösung hier Abhilfe schaffen? Auf der wirtschaftlichen Seiten sollten Skaleneffekte einen guten Beitrag leisten, sprich: eine große Heizung kostet weniger als viele kleinere. Diese Frage soll das Projekt u.a. beantworten.
Auch bei einer Quartierslösung müsste man mit einer Wärmequelle starten, die nach einer wärmetechnischen Sanierung der Gebäude überdimensioniert ist. Wenn man aber ein Nahwärmenetz bereits verlegt hat, könnte man immer dann, wenn die Heizzentrale mehr Wärme produzieren kann, als abgenommen wird, weitere Gebäude an das System anschließen. Es ist damit zu rechnen, dass zu Beginn eines solchen Projektes nicht alle Eigentümergemeinschaften gleichzeitig einsteigen werden. Vielleicht will man erst noch die vorhandene Wärmequelle „aufbrauchen“ oder man traut der Sache noch nicht und will erst mal abwarten. Wenn solche Gebäude aber später hinzustoßen, könnten Sie die Energie abnehmen, die an anderer Stelle frei geworden ist. Das System könnte also Stück für Stück wachsen und damit helfen, durch Einsparungen freiwerdende Energie andernorts zu nutzen.
Bleibt das Problem mit der Vorlauftemperatur. Zu Beginn wird man eine höhere Vorlauftemperatur benötigen, später könnte bzw. müsste sie für einen Wärmepumpenbetrieb abgesenkt werden.
Es ist zu vermuten, dass über eine Quartierslösung ein technische, mehrstufige Lösung besser schaffen kann, als Einzellösungen für die einzelnen Gebäude. Durch die Kombination verschiedener Heiztechniken, könnte man mit einer bestimmten Technologie beginnen und in ein paar Jahren, nach Abschreibung der ersten Technik, mit dann neuerer Technik nach- und aufgerüstet werden. Hier wird hoffentlich das Ergebnis der Masterarbeit, interessante Antworten geben.
Unterschiedlicher Energiebedarf übers Jahr
Hinzu kommt, dass über das Jahr gesehen, der Bedarf an Wärme unterschiedlich ist. Im Sommer braucht man nur Wärme für Warmwasser, in Herbst und Frühjahr für Warmwasser und ein bisschen Heizung und im Winter alles zusammen und bis zu Minustemperaturen. Hier muss ein modulierendes System gefunden werden, was diese unterschiedlichen Bedarfe gut abdeckt. Vielleicht kann das in der Quartierslösung ebenfalls effizienter geschehen, da man hier eher verschiedene Technologien anwenden kann indem man nicht nur eine Wärmequelle beschafft, die alles kann, sondern mehrere, die dann nach und nach zugeschaltet werden können.
Und das nicht vorhandenen Nahwärmenetz?
Der Vorteil in der Oststadt im Vergleich zu anderen Stadtteilen ist, dass mit relativ wenigen Metern Nahwärmenetz eine große Anzahl von Wohnungen erreicht werden können. Insofern halten sich die Kosten für das Verlegen des Nahwärmenetzes in Grenzen. Hinzu kommt, dass ein Teil der Gebäude bereits mit Nahwärmeleitungen versorgt werden. Hier könnte man vielleicht das Verlegen neuer Rohrleitungen sogar einsparen. Außerdem sind aktuell noch Finanzmittel aus Zuschussprogrammen zu erwarten, wie das Beispiel der Bürgerenergie Rhein-Main zeigt.
Ein mögliches Fazit…
Als mögliches erstes, vorläufiges und von den Ergebnissen der Masterarbeit abhängigen Fazit könnte so aussehen:
Der größte Vorteil, den die Quartierslösung bietet, ist, dass zu Beginn alle oder auch nur ein Teil an das Nahwärmenetz anschließen lassen können und noch nicht die Gebäude wärmetechnisch sanieren müssen, wenn man zu Beginn die höhere Vorlauftemperatur verwendet. Dies könnte man auf Sicht von zehn bis fünfzehn Jahren dann planen und Stück für Stück umsetzen. Mit Festlegung eines „Umstelltermins“ in zehn bis fünfzehn Jahren, würde dann die Vorlauftemperatur auf ein für Wärmepumpen geeignetes Maß von 50 bis 60 Grad gesenkt. Das bedeutet hohe Planungssicherheit für die Eigentümer der Gebäude. Sie gewinnen Zeit und können die weitere Sanierung planen. Die Betreiber des Nahwärmenetzes erhalten ebenfalls Planungssicherheit und können durch Ausbau des Netzes, einer Erweiterung der Technik sowie vielleicht der Hinzunahme zukünftiger innovativer Technologie und der Hinzunahme weiterer Abnehmer die Situation entsprechend gestalten. Als einfaches Beispiel mag hierfür gelten, dass die Betreiber wissen, wann einer der Abnehmer seinen Wärmebedarf durch Sanierung seines Gebäudes halbiert. Zu diesem Zeitpunkt nehmen sie einen weiteren Abnehmer in das Netz auf.
Interessant wird sein, wie sich die Kosten für die Verlegung des Nahwärmenetzes auswirken und mögliche Zuschüsse dafür. Vorteil dürften die geringen Entfernungen sein.
Aber letztendlich bleibt es spannend, wie eine ingenieurtechnische und ökonomische Bewertung der aufgeworfenen Fragen aussehen wird.
