Interview des Viernheimer Tageblatts mit unserem Spitzenkandidaten Wolfram Theymann

1.     Herr Theymann, das Bürgernetzwerk hat 2025 für jede Menge Schlagzeilen gesorgt. Mit Ihren zahlreichen Leserbriefen im „Viernheimer Tageblatt“ bezüglich der aktuellen Viernheimer Politik haben Sie sich anscheinend wenig Freunde gemacht. Wie gehen Sie mit dieser Situation um, wenn Sozialdemokrat Daniel Schäfer von „Schmähkritik“ spricht und Ex-Bürgermeister Norbert Hofmann von einer „arroganten Haltung“ und „populistische Botschaften“?

Es mag sein, dass ich mir in Teilen der Viernheimer Politik wenig Freunde gemacht habe. Die Rückmeldungen von Bürgerinnen und Bürgern sagen da etwas anderes und zeigen, dass ich mit meiner Kritik richtig liege. Die Anfeindungen kann ich inhaltlich nicht nachvollziehen und finde sie teilweise kindisch, wenn man für sich beansprucht ernsthafte politische Auseinandersetzungen zu suchen. Es kamen ja sonderbarerweise sehr selten nur wirkliche Argumente. Mit diesen hätte ich dann umgehen können und wir wären vielleicht in einem Dialog. Die Sache ist doch ganz einfach: Wenn die Friedhofsgebühren in Viernheim verdoppelt werden müssen und in anderen Orten nicht, läuft etwas schief. Wenn man von attraktiver Innenstadt spricht und dann das abliefert, was wir kennen, läuft etwas schief. Wenn man sich ausgiebig für den Umweltschutz lobt und die Zahlen aber was ganz anderes sagen, läuft etwas schief.  Und und und. Jetzt kann man mich arrogant oder populistisch nennen, oder man könnte den Dingen auf den Grund gehen. Letzteres hätte uns weitergebracht. Ich habe mich entschieden, an diesen Situationen etwas zu verändern und mit Argumenten und Fakten die Dinge zu bewerten. Eigentlich wäre das eine Aufgabe des Parlaments, der Stadtspitze hier auf die Finger zu schauen. Fehlende Freunde in Teilen der Viernheimer Politik mögen der Preis dafür sein, dafür komme ich mit anderen Teilen ganz gut klar. Außerdem hilft es, immer auch Freunde AUSSERHALB der Politik zu haben!

2.     Was glauben Sie, warum wird das Bürgernetzwerk so hart angefeindet?

Ganz ehrlich? Ich glaube, wir haben mit dem Bürgernetzwerk bei manchen einen wunden Punkt getroffen! Die Anfeindungen kommen vor allem von der Verwaltungsspitze, von der SPD und der FDP. Die anderen halten sich eher zurück. Wir sind mit vielen Bürgerinnen und Bürgern im Gespräch und erleben hier einen guten Rückhalt. Gewählt wird letzten Endes von den Bürgerinnen und Bürgern und da bin ich selbst gespannt, wie wir abschneiden werden. Wenn man die Anfeindungen der Politik als Maß nimmt, könnte es ganz gut werden. Ich bin da selbst durchaus vorsichtiger und wir müssen unsere Hausaufgaben auch machen. Wir werden sehen, was am Ende herauskommt. 

3.     Wie würden Sie die aktuelle Situation in der Viernheimer Politik beschreiben?

Man gründet ja keine neue Wählergruppe, weil man die Politik so toll finden und die anderen Parteien in ihrem Selbstlob unterstützen möchte – insofern ist unser Blich natürlicherweise eher kritisch: Die Stadt ist schon wieder pleite, obwohl das Land die Stadt ja schon einmal entschuldet hat. Damit hat das Parlament kaum noch Chancen auf eigene Initiativen. Es herrscht in vielen Bereichen Stillstand. Die vom ehemaligen Bürgermeister Hofmann angestoßenen Initiativen wurden nicht weiterentwickelt und aktuell sogar abgewickelt. Wir brauchen aber viel mehr zukunftsgerichtete Aktivitäten in der Bildung, in der Stadtplanung, bei der Wärmewende, in den Finanzen, bei der Lebensqualität und vor allem auch im gesellschaftlichen Miteinander. Was werden wir wohl den nachfolgenden Generationen zukunftsfähiges hinterlassen?

4.     Welche drei Punkte müssten sich politisch in Viernheim auf jeden Fall ändern?

Die Zeiten sind schwierig und die Gemengelage komplex. Wir können das nur ändern, wenn wir erstens gemeinsam einen guten Weg finden und gehen. Und zweitens wenn wir alles Knowhow was wir in der Politik und Verwaltung, aber auch in der Bevölkerung haben, nutzen, um gute, nachhaltige Lösungen zu erarbeiten. In einer kleinen Verwaltung KANN man nicht alles Knowhow vorhalten, was dafür notwendig ist. Wir BRAUCHEN das Knowhow der Bevölkerung dazu. Dann, drittens, müssen alle Bürgerinnen und Bürger dabei mitnehmen und niemanden ausschließen. Und viertens müssen wir Vertrauen wieder aufbauen, welches verloren gegangen ist.

5.     Warum zieht es Sie persönlich in die Kommunalpolitik?

Ich wundere mich seit Jahren, dass Politik und Verwaltung so wenig zustande bringen. Im Bund, aber eben auch in der Kommune. Ich glaube nicht, dass das so sein muss! Leserbriefe ignoriert die Politik einfach. Ich möchte ausprobieren, ob es auch anders geht! Und eben deshalb Verantwortung übernehmen. Dabei bin ich stolz und froh Teil des Teams im Bürgernetzwerk zu sein. Wenn ich mir vorstelle, dass es gelingen könnte, auch mit gutgesinnten Vertretern anderer Parteien eine solche Vertrauensbasis für gemeinsame Entscheidungen zu finden, sehe ich die Tür weit offen für frischen Wind und eine gute Zukunft der Stadt.

6.     Wie schwer war der Prozess, eine Liste für die Kommunalwahl zu erarbeiten und für diese auch zugelassen zu werden?

Anders als die etablierten Parteien konnten wir nicht auf einen bestehenden Mitgliederpool zurückgreifen, aus dem im Zweifel sogenannte Füll- oder Stützkandidaturen hätten besetzt werden können. Entsprechend sind wir tatsächlich bei null gestartet. Umso erfreulicher ist es, dass wir 24 Menschen dafür gewinnen konnten, gemeinsam mit uns und mit ihrem Namen in den Wahlkampf zu ziehen. Insofern war es eigentlich gar nicht schwer, weil offensichtlich die Unzufriedenheit mit der kommunalen Politik so weit verbreitet ist, dass sich schnell Interessenten für eine gemeinsame Initiative fanden. Erfreulich war, dass wir noch viel mehr Kandidaten hätten haben können, unerfreulich, dass sich viele, u.a. mit dem Verweis auf die politische Kultur, letzten Endes doch wieder zurückgezogen haben. Zu viele haben gesagt, dass sie sich das nicht antun wollen. Aber, und das ist wieder erfreulich, viele der „Absager“ haben zugesagt, weiter mitwirken und uns unterstützen zu wollen. 

Der bürokratische Teil der Zulassung zur Wahl war insbesondere dank des Engagements der zuständigen Mitarbeiterin von der Stadtverwaltung gut zu handhaben. Vielen Dank an Frau Wittstock, die uns äußerst zuvorkommend und kompetent unterstützt hat. Insgesamt haben wir den Umgang mit der Stadtverwaltung in dieser Angelegenheit als sehr positiv und konstruktiv erlebt.

7.     Wenn jemand am 15. März das Bürgernetzwerk wählt, welche sagen wir drei Punkte kann sich der Wähler zu 100 Prozent verlassen?

Das Bürgernetzwerk steht für die Einbindung und Beteiligung der Bürger an den politischen Entscheidungen wie keine andere Gruppierung. Nicht, weil es modern ist. Sondern weil die Welt so komplex ist und weder die Stadtverwaltung noch die Politik das Knowhow, die Erfahrung und auch das Wissen um die örtlichen Begebenheiten in den Quartieren hat, wirklich gute Entscheidungen zu treffen. Wir müssen alles Knowhow nutzen, was sich uns bietet! Hinzu kommt, dass ein Dialog um Lösungen, wenn wir es richtig machen, dazu führt, dass alle bei der gemeinsamen Lösung mitgehen können. Wir wollen ein Miteinander von Bürgerschaft, Verwaltung und Parlament.

Zweitens stehen wir für einen neuen politischen Politikstil. Dazu gehört die Transparenz für politische Entscheidungen. Die Politik ist nicht nur als Vertreter eigener Meinungen, wir sehen sie als „Manager von Entscheidungsprozessen“, in denen die eigene Meinung neben anderen Meinungen steht. Die Entscheidungen sollten faktenbasiert erfolgen. Dabei spielen eine gute Datenbasis und Folgenabwägungen eine große Rolle.

Drittens muss die finanzielle Situation verbessert werden. Wir müssen die Einnahmesituation anschauen, als auch die Ausgaben auf den Prüfstand stellen. Das ist im Detail schwierig, aber möglich. Wir müssen verstärkt privates Kapital aktivieren für kommunale Projekte. Mit Sponsoring, Bürgerenergiegenossenschaften, Stadtquartiersgenossenschaften etc. können Projekte angestoßen werden, ohne dass der Haushalt dadurch belastet werden muss. Und es gilt, Zuschussmöglichkeiten auf regionaler, nationaler und europäischer Ebene zu aktivieren. Solches Geld gibt es vorrangig für Modellprojekte und nachhaltig orientierte Zukunftsvorhaben. Auch die hätten wir bitter nötig!

8.     Wie kann auch das Bürgernetzwerk dazu beitragen, Nichtwähler für die Kommunalwahl zu mobilisieren?

Das Bürgernetzwerk ist eine neue Wählergruppe mit einer kritischer Perspektive. Damit sprechen wir viele von der kommunalen Politik enttäuschten Anhänger anderer demokratischen Parteien an, die wir damit hoffentlich wiedergewinnen können. Auch für Nicht und Protestwähler sind wir eine demokratische Alternative. Vielleicht ist es ja interessant für Nichtwähler, eine Wählerinitiative zu wählen, in der sich alle drei größeren Parteien mit Kandidaten wiederfinden und der größte Teil der Kandidaten Leute sind, die bisher keine Politiker waren und damit frischen Wind mitbringen?

9.     Mit fünf Prozent lässt sich mit Sicherheit nach der Wahl kein Politikwechsel einläuten. Wie stark muss das Bürgernetzwerk werden, damit Sie wirklich Einfluss auf die Gestaltung der Viernheimer Politik nehmen können?

Fünf Prozent wären schon enttäuschend, da gebe ich Ihnen recht. Eine starke Fraktion wäre nötig, um die bisherige sozialdemokratische Union einzuhegen. Denn eigentlich bestimmen die beiden Wahlbeamten von SPD und CDU alleinig die Politik und deren Fraktionen folgen zumindest im Parlament fast ausnahmslos den Verwaltungsvorlagen. Es muss schwieriger für CDU und SPD werden, sich gemütlich einzurichten. Ein starkes Ergebnis des Bürgernetzwerks wäre ein wichtiger Baustein für neue Impulse und eine andere Politik.

Aber man kann auch einfach ohne die Stadt Dinge bewegen. Schauen Sie auf die Aktion mit den Balkonkraftwerken, wir erarbeiten gerade mit einer Hochschule ein Nahwärmekonzept für die Oststadt, wir haben uns die Tage eine Bildungseinrichtung angeschaut, die in Zukunftsthemen unterwegs ist und zum großen Teil von Sponsoren finanziert wird – es gibt Ideen und Vorbilder. Man kann Dinge auch ohne die Stadt machen. Aber einfacher ist es gemeinsam und daher auch unser Antritt. Letzten Endes entscheiden die Wählerinnen und Wähler, ob es einfach so weitergehen soll oder ob sie sich für frischen Wind und einen neuen Politikstil entscheiden.

10.   Welche Schwerpunkte wollen Sie im Wahlkampf setzen, welche Themen in den Vordergrund rücken?

Seit Jahren zu wenige Kitaplätze, eine wenig attraktive Innenstadt, ungepflegte öffentliche Räume, viele fühlen sich unsicher in der Stadt, eine hohe Gebühreninflation bei lokalen Abgaben und das Gefühl, mit eigenen Anliegen kaum Gehör zu finden, prägen aus unserer Sicht die politische Stimmung. Wir haben uns für den Wahlkampf drei Themen herausgepickt: 

Erstens das Thema Integration. Wir erleben die Folgen der Migration, wie zum Beispiel das mangelnde Sicherheitsgefühl vieler Bürgerinnen und Bürger, Engpässe beim Wohnraum, Kitas, Schulen sowie wachsende Spannungen im Zusammenleben. Werden diese Probleme ignoriert oder beschönigt, schwindet die Akzeptanz. Daher werden wir uns einsetzen, mehr für die Integration zu tun. Sprachkurse und etwas Betreuung sind ganz offensichtlich zu wenig. Bezüglich weiterer Zuweisungen hat sich die Situation etwas entspannt. Wir setzen uns dafür ein, dass die Stadt sich widersetzt, wenn mehr Menschen zugewiesen werden, als wir hier gut integrieren können!

Zweitens: Die Stadtentwicklung muss verstärkt in den Fokus! Marode Infrastruktur, fehlende Aufenthaltsqualität und Defizite bei Grün- und Begegnungsflächen beeinträchtigen die Lebensqualität spürbar. Stadtplaner sprecehn von „Guten Orten“ in der Stadt. Wir brauchen mehr „Gute Orte“ in der Stadt.  Und als dritter Schwerpunkt nenne ich wieder die Bürgerbeteiligung. Viele Entscheidungen entstehen ohne frühzeitige Information oder echte Mitsprache. Das verstärkt Politikverdrossenheit und Resignation. Wir thematisieren dieses Demokratiedefizit klar und machen deutlich, dass Viernheim das Wissen und die Erfahrung seiner Bürgerschaft bislang zu wenig nutzt.

11.   Vor zehn Jahren holte die UBV aus dem Stand 22.6 Prozent. Wie unterscheidet sich aus Ihrer Sicht das Bürgernetzwerk von der damaligen UBV?

Die UBV ist damals stark gestartet, hat sich dann aber über die Jahre schnell angepasst an die bestehenden Strukturen. Vielleicht hat sich für die UBV der Anspruch in der Zwischenzeit verändert? Ich weiß es nicht. Aber wenn man wichtige Entscheidungen treffen muss, ist es gut, wenn es auch kontroverse Diskussionen gibt und wenn man um gute Lösungen ringt. Dazu braucht ein Parlament auch Leute, die neue Aspekte und Ideen einbringen, die über den Tellerrand hinausblicken, vielleicht andere Fragen stellen und auch bereit sind, solche Ideen mit Argumenten zu vertreten. Dafür sind wir von den Menschen her als auch thematisch gut aufgestellt. Gute Voraussetzungen also erst einmal. Und wenn ich mein eigenes Leben so anschaue, ist der Drang nach Entwicklung und Zukunftsfähigkeit größer, als angepasster Teil einer bestehenden Struktur zu sein. Aber wir werden sehen…

(Für das Tageblatt führte das Interview Oliver Höflich.)

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