Leserbrief im Viernheimer Tageblatt von Heike Gander, Bürgernetzwerk, und Jasmin Mura, Förderverein des Familienzentrums Kirschenstraße
Mit Beginn des kommenden Schuljahres greift die erste Stufe des bundesweiten Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder. Grundlage hierfür ist das Ganztagsförderungsgesetz (GaFöG). In Hessen gilt der Anspruch ab Sommer zunächst für alle Kinder der ersten Klassenstufe und wird in den kommenden Jahren schrittweise erweitert.
Die Stadt Viernheim steht damit vor der großen Aufgabe, ausreichend Betreuungsplätze zu schaffen und gleichzeitig die Qualität der Betreuung sicherzustellen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob die bestehenden Räumlichkeiten an den Viernheimer Grundschulen bereits den Anforderungen eines qualitativ hochwertigen Ganztagsangebots gerecht werden – insbesondere im Hinblick auf Mensen, Ruheräume, Bewegungs- und Freispielflächen.
Auch die Frage nach dem Erhalt bestehender Betreuungseinrichtungen muss diskutiert werden. Der Hort des AWO Familienzentrum Kirschenstraße betreut derzeit 55 Schulkinder und leistet seit Jahren eine hervorragende Arbeit bei deren Betreuung und Förderung. Im Zuge der Ganztagsumsetzung steht die Schließung dieser etablierten, außerschulischen Hortstruktur im Raum, da die Kosten für deren Unterhalt im Gegensatz zu der der Schulbetreuung hoch angesetzt sind. Aber steht hier nicht die Qualität der geleisteten Arbeit im Vordergrund?
Dabei sollte die Debatte nicht nach dem Prinzip „Schule gegen Hort“ geführt werden. Schulische Ganztagsbetreuung kann und soll eine wichtige Rolle spielen. Doch wenn bestehende außerschulische Hortplätze kurzfristig wegfallen und die zusätzlichen Kinder vollständig von den Schulen aufgefangen werden müssen, droht zwangsläufig ein Qualitätsverlust – nicht aus mangelndem Engagement, sondern wegen fehlender räumlicher, personeller und organisatorischer Voraussetzungen.
Umorganisation an Schulen würden den Alltag der Kinder über Jahre prägen. Gleichzeitig ist fraglich, ob ausreichend pädagogische Fachkräfte zur Verfügung stehen, um den gesetzlichen Betreuungsschlüssel einzuhalten. Gerade angesichts des akuten Fachkräftemangels erscheint es unrealistisch, dass qualifiziertes Personal aus bestehenden Einrichtungen einfach 1:1 in den schulischen Ganztag wechselt – insbesondere dann nicht, wenn dort schlechtere Arbeitsbedingungen oder geringere Bezahlung drohen. Und wieder würde es zu einem Mangel an Erzieherinnen und Erziehern in Viernheim kommen.
Dabei gäbe es durchaus Alternativen. Das Gesetz schreibt ausdrücklich nicht vor, dass Ganztagsbetreuung ausschließlich in der Schule stattfinden muss. Auch Angebote der Kinder- und Jugendhilfe – also bestehende Horte – können den Rechtsanspruch erfüllen. Warum wird daher nicht ernsthaft über ein Kombi-Modell nachgedacht?
Gerade im Fall der Nibelungenschule könnte der nahegelegene Hort des AWO Familienzentrum Kirschenstraße räumlich entlasten und gleichzeitig erhalten bleiben. Das würde nicht nur das Platzproblem entschärfen, sondern auch gewachsene Strukturen sichern.
Außerschulische Horte bieten nachweislich wichtige Vorteile:
- Als familienergänzende Einrichtungen stellen sie das Kind ganzheitlich in den Mittelpunkt. Der bewusste Ortswechsel von Schule und Hort schafft einen wichtigen Ausgleich zum Schulalltag.
- Die Betreuungszeiten sind deutlich familien- und arbeitnehmerfreundlicher. Während schulische Betreuung häufig nur den Zeitraum bis etwa 15 Uhr abdeckt, bieten Horte längere Öffnungszeiten sowie umfangreichere Ferienbetreuung.
- Das AWO Familienzentrum Kirschenstraße ist tief im Sozialraum vernetzt, bietet generationsübergreifende Angebote und verfügt über langjährig eingespieltes Fachpersonal, zu dem viele Kinder bereits seit der Kindergartenzeit enge Bindungen aufgebaut haben.
Das AWO Familienzentrum Kirschenstraße wurde 2018 gegründet und begleitet seit Jahren Familien in Viernheim. Gerade heute, in Zeiten steigender Lebenshaltungskosten und Inflation, sind viele Familien auf zwei Einkommen angewiesen. Fallen Betreuungsplätze weg oder werden Betreuungszeiten verkürzt, bedeutet das für zahlreiche Eltern zwangsläufig eine Reduzierung der Arbeitszeit.
Diese Folgen treffen noch immer überwiegend Frauen. Laut Statistischem Bundesamt übernehmen Frauen weiterhin 44% mehr der unbezahlten Care-Arbeit. Teilzeitbeschäftigung aufgrund fehlender Betreuung wirkt sich nicht nur unmittelbar auf das Familieneinkommen aus, sondern langfristig auch auf Altersarmut. Frauen ab 65 Jahren erhalten in Deutschland durchschnittlich 27% weniger Alterseinkommen als Männer. Damit verschärfen sich sowohl der Gender Pay Gap als auch der Gender Pension Gap weiter. Wurde dieser gesellschaftliche Aspekt bei den Planungen ausreichend berücksichtigt?
Auch finanziell erscheint die Schließung bestehender Hortstrukturen keineswegs automatisch wirtschaftlicher:
- Schulen müssten zunächst aufwendig umgebaut und ausgestattet werden.
- Laufende Betriebskosten des Ganztagsangebots müssten gegen bisherige Zuschüsse für die Hortbetreuung gerechnet werden.
- Leerstehende Hort-Räumlichkeiten müssten ebenfalls umgenutzt oder angepasst werden.
- Gleichzeitig droht der Verlust erfahrenen Fachpersonals an umliegende Kommunen.
Gespart wird am Ende möglicherweise kaum – verloren gehen könnten dagegen funktionierende Strukturen, gewachsene Beziehungen und pädagogische Qualität.
Die Hoffnung liegt jetzt auch auf der Unterstützung der Parteien, die traditionell mit sozialer Gerechtigkeit, Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie Bildungsqualität werben und sich für den Erhalt der Viernheimer Betreuungseinrichtungen einsetzen. Ihr erklärtes Ziel ist unter anderem die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, wofür die Öffnungs- und Schließzeiten des Horts eindeutig sprechen. Betont wird die Bedeutung von Kitas und Familienzentren als Orte der Begegnung, Integration und der sozialen Vernetzung – ein absolut richtiger Ansatz. Auch attraktive Arbeitsplätze im Bildungsbereich zur Erhaltung des bestehenden Personals sowie zur Bekämpfung des Fachkräftemangels sind Teil des Programms dieser Parteien. Wir hoffen daher, dass der Hort die nötige Rückendeckung erhält!
Umso wichtiger wäre es jetzt, diesen Grundsätzen auch konkret gerecht zu werden. Solange an den Grundschulen kein gleichwertiger qualitativer Ersatz vorhanden ist, droht die Verlagerung der Betreuung den bestehenden Fachkräftemangel eher zu verschärfen als zu lösen.
Deshalb stellt sich die Frage:
Warum setzen sich Stadt, Träger, Politik, Schulen und Eltern nicht gemeinsam an einen Tisch, um eine tragfähige Lösung zu entwickeln, die sowohl den gesetzlichen Anspruch erfüllt als auch bewährte Strukturen erhält?
Denn bei allen organisatorischen und finanziellen Fragen darf eines nicht vergessen werden: Kinder haben ein Recht auf mehr als bloße Verwahrung.
Ganztagsbetreuung muss deshalb mehr sein als Aufsicht. Sie braucht Zeit für Lernen, Bewegung, Kreativität, soziale Entwicklung und Erholung. Ob dies unter den aktuellen räumlichen und personellen Bedingungen an den Schulen bereits ausreichend gewährleistet werden kann, muss offen diskutiert werden dürfen.
Das Bürgernetzwerk wird deshalb als Fraktion eine Anfrage an die Verwaltung stellen, um Transparenz über die konkreten Planungen zur Umsetzung der Ganztagsbetreuung in Viernheim zu erhalten.
Darüber hinaus wird der „Förderverein AWO Familienzentrum Kirschenstraße Viernheim e.V.“ Eltern sowie engagierte Bürgerinnen und Bürger zu einer Petition gegen die Schließung des Horts aufrufen.
Gemeinsam sollte alles daran gesetzt werden, funktionierende Betreuungsstrukturen in Viernheim nicht vorschnell aufzugeben.
Heike Gander Jasmin Mura-Jöst
(stellvertretende Fraktionsvorsitzende (Vorsitzende des Fördervereins des
der Bürgernetzwerks Viernheim) Familienzentrums Kirschenstraße)
