Was kostet eigentlich Entsiegelung?

Der Erste Stadtrat Jörg Scheidel hat in der Junisitzung des Stadtparlaments gesagt, das Entsiegeln von Asphalt- oder Betonflächen kostet 5000 Euro pro Quadratmeter. Das war ein Argument, was viele Mandatsträger überzeugt hat, dem Antrag des Bürgernetzwerks, Entsiegelungspotenziale auf öffentlichen Flächen zu identifizieren und Kosten für deren Entsiegelung zu benennen, abzulehnen.

Die Vorteile von Entsiegelung liegen auf der Hand: weniger Hitze im Sommer, bessere Versickerung von Regenwasser, mehr Artenvielfalt und eine höhere Aufenthaltsqualität.

Die große Frage lautet also: Was kostet es wirklich? Ist es wirklich so teuer, wie Scheidel behauptet?

Die kurze Antwort lautet: Es kommt darauf an. Die Kosten hängen wesentlich davon ab, welche Fläche entsiegelt wird, wie der Untergrund aufgebaut ist und wie die Fläche anschließend gestaltet werden soll.

Eine erste Orientierung

Für Deutschland lassen sich folgende grobe Richtwerte ansetzen:

MaßnahmeTypische Kosten
Asphalt aufnehmen und entsorgenca. 20–50 €/m²
Beton aufnehmen und entsorgenca. 50–120 €/m²
Unterbau entfernenca. 15–40 €/m²
Oberboden herstellenca. 15–40 €/m²
Rasen ansäenca. 5–15 €/m²
Stauden- oder Gehölzpflanzungca. 20–100 €/m²

Für eine vollständige Entsiegelung einschließlich Wiederherstellung einer Grünfläche ergeben sich daraus häufig Gesamtkosten von:

  • einfache Rasenfläche: etwa 60–130 €/m²
  • hochwertige Begrünung: etwa 100–250 €/m²

Diese Werte eignen sich für eine erste überschlägige Einschätzung. Für konkrete Projekte werden sie jedoch deutlich genauer ermittelt.

Wie werden Entsiegelungskosten tatsächlich kalkuliert?

Entgegen einer weit verbreiteten Annahme gibt es in Deutschland keine gesetzlich festgelegten Einheitspreise für Entsiegelungsmaßnahmen.

Stattdessen arbeiten Planungsbüros und öffentliche Auftraggeber mit standardisierten Leistungsbeschreibungen und anerkannten Kostenregelwerken.

DIN 276 – die Grundlage der Kostenplanung

Die DIN 276 regelt die Kostenplanung im Bauwesen. Sie legt fest, wie Baukosten systematisch gegliedert und ermittelt werden. Sie enthält jedoch keine Preise, sondern beschreibt die Struktur der Kostenermittlung.

Dadurch wird sichergestellt, dass Projekte unterschiedlicher Größe und Art vergleichbar kalkuliert werden können.

STLB-Bau – standardisierte Leistungsbeschreibungen

Für die eigentliche Ausschreibung kommen standardisierte Leistungsbeschreibungen des STLB-Bau zum Einsatz.

Hier werden einzelne Leistungen genau beschrieben, beispielsweise:

  • Asphalt schneiden
  • Asphalt aufnehmen
  • Beton abbrechen
  • Unterbau ausbauen
  • Boden liefern und einbauen
  • Vegetationstragschicht herstellen
  • Rasen ansäen oder Pflanzflächen herstellen

Jede dieser Positionen erhält anschließend einen eigenen Einheitspreis.

BKI Baukosten – Orientierung an realen Baupreisen

Eine der wichtigsten Quellen für Kostenkennwerte ist das Baukosteninformationszentrum Deutscher Architektenkammern (BKI).

Das BKI wertet jährlich zahlreiche tatsächlich abgerechnete Bauprojekte aus und veröffentlicht:

  • Baupreise
  • Kostenkennwerte
  • Regionalfaktoren
  • Positionspreise

Diese Daten bilden in vielen Ingenieur- und Planungsbüros die Grundlage für belastbare Kostenschätzungen.

Öffentliche Arbeitshilfen für kommunale Entsiegelungsprojekte

Neben den klassischen Regelwerken existieren inzwischen mehrere praxisnahe Leitfäden speziell für Kommunen.

Berliner Arbeitshilfe zur orientierenden Kostenschätzung

Die Berliner Senatsverwaltung hat eine umfassende Arbeitshilfe für Entsiegelungsmaßnahmen entwickelt.

Sie bietet unter anderem:

  • unterschiedliche Flächentypen (Asphalt, Beton, Pflaster)
  • typische Rückbaukosten
  • Hinweise zur Wiederherstellung des Bodens
  • Excel-Kalkulationshilfen

Für Machbarkeitsstudien und Klimaanpassungskonzepte gehört diese Veröffentlichung derzeit zu den fundiertesten öffentlich verfügbaren Quellen.

Kommunale Förderprogramme

Auch verschiedene Städte veröffentlichen Erfahrungswerte.

Beispielsweise werden für vollständige Entsiegelungen häufig Gesamtkosten von rund 80 bis 150 €/m² angesetzt.

Diese Werte beruhen auf tatsächlich umgesetzten Projekten und dienen häufig als Grundlage kommunaler Förderprogramme.

RegenKompass

Der RegenKompass der StEB Köln beschäftigt sich vor allem mit der Gestaltung entsiegelter Flächen.

Er enthält Orientierungswerte beispielsweise für:

  • Rasenflächen
  • Blühflächen
  • Schotterrasen
  • wasserdurchlässige Beläge

Gleichzeitig weist der Leitfaden ausdrücklich darauf hin, dass Rückbaukosten aufgrund der sehr unterschiedlichen Ausgangssituationen nicht pauschal angegeben werden können.

Eine praktikable Kostenmatrix

Aus den öffentlichen Leitfäden und Arbeitshilfen lässt sich eine Kostenmatrix ableiten, die sich besonders für kommunale Klimaanpassungs- oder Schwammstadtkonzepte eignet.

BestandRückbauBodenaufbauBegrünungGesamtkosten
Asphalt35–60 €/m²20–35 €/m²15–30 €/m²70–125 €/m²
Beton60–100 €/m²20–35 €/m²15–30 €/m²95–165 €/m²
Pflaster25–50 €/m²15–30 €/m²15–30 €/m²55–110 €/m²
Rasengitter15–35 €/m²10–20 €/m²10–20 €/m²35–75 €/m²

Je nach Begrünungsziel kommen zusätzliche Kosten hinzu:

BegrünungszielKosten
Rasen5–15 €/m²
Blühwiese8–20 €/m²
Stauden30–80 €/m²
Gehölze40–150 €/m²
Stadtbaum1.500–5.000 € je Baum

Empfehlungen für Kommunen

Für strategische Planungen empfiehlt sich eine Kalkulation mit Kostenkorridoren statt mit einem festen Wert.

Ein bewährter Ansatz lautet:

SzenarioKostenansatz
günstig80 €/m²
Standard120 €/m²
anspruchsvoll160 €/m²

Diese Bandbreiten berücksichtigen Unterschiede bei:

  • Belagsart,
  • Dicke des Oberbaus,
  • Entsorgungsaufwand,
  • Bodenverbesserung,
  • Art der Begrünung,
  • örtlichen Baupreisen.

Für Haushaltsplanungen, Förderprogramme oder Klimaanpassungskonzepte ist dieser Ansatz deutlich belastbarer als ein einzelner Pauschalwert.

Ebenso empfiehlt sich eine Differenzierung nach dem Umfang der Maßnahme:

MaßnahmeRichtwert
Teilentsiegelung30–70 €/m²
Vollentsiegelung80–160 €/m²
Vollentsiegelung mit hochwertiger Freiraumgestaltung150–300 €/m²

So lassen sich Maßnahmen priorisieren und unterschiedliche Zielsetzungen – von der reinen Entsiegelung bis zur umfassenden Umgestaltung öffentlicher Räume – transparent bewerten.

(Hinweis in Klammern)

Die hier dargestellten Kostenübersichten sind keine offizielle Tabelle, sondern eine fachliche Synthese aus:

  • den Berliner Arbeitshilfen zur orientierenden Kostenschätzung,
  • kommunalen Erfahrungswerten (insbesondere Würzburg),
  • der Methodik von DIN 276,
  • den standardisierten Leistungsbeschreibungen des STLB-Bau sowie
  • der üblichen Praxis von Ingenieur- und Landschaftsplanungsbüros.

Sie stellt somit einen plausiblen Orientierungsrahmen für frühe Planungsphasen (Machbarkeitsstudien, Klimaanpassungs- und Schwammstadtkonzepte) dar, ersetzt aber keine objektspezifische Kostenberechnung.

Fazit

Entsiegelung ist keine Billigmaßnahme, aber sie ist eine Investition in eine klimaresiliente und lebenswerte Stadt. Die Kosten liegen je nach Ausgangssituation meist zwischen 80 und 160 Euro pro Quadratmeter für eine vollständige Entsiegelung mit Begrünung. Werden hochwertige Freiräume mit Bäumen, Aufenthaltsbereichen und Regenwassermanagement geschaffen, können die Kosten auch darüber liegen.

Wichtig ist: Für die Kostenschätzung stehen heute anerkannte Verfahren und umfangreiche Praxiserfahrungen zur Verfügung. Mit der DIN 276, dem STLB-Bau, den Baukostenkennwerten des BKI sowie kommunalen Arbeitshilfen existiert eine solide fachliche Grundlage. Kommunen müssen Entsiegelung daher nicht „ins Blaue hinein“ kalkulieren, sondern können ihre Projekte realistisch planen und transparent begründen – eine wichtige Voraussetzung, um Fördermittel einzuwerben und die notwendige Anpassung an den Klimawandel erfolgreich umzusetzen.


Quellen:

Regelwerke und Standardwerke

Öffentliche Leitfäden und Arbeitshilfen

Anstehende Veranstaltungen